BRAN PTAL

14.08.2016 13:12:16 Uhr

Köln

Damit hatte Eric Classen nicht gerechnet. Durch das Fenster seines Arbeitszimmers sah er einen kleinen strahlenden Ring, der sich gleichmäßig in allen Richtungen drehte und dabei sein Umfeld in sich zu absorbieren schien. Der Ring wurde größer, seine Rotation langsamer.

Eric konnte im Inneren plötzlich etwas erkennen - aber nein, das wird doch nicht - doch.

Eindeutig, es gab keinen Zweifel.

»Hallo, nicht erschrecken!« Die Stimme kam aus dem Inneren des rotierenden Kreises. Eric war sich jetzt sicher, wer auf der anderen Seite des Ringes zu sehen war.

BRAN PTAL sah genau so aus, wie vor 20 Jahren, als er Eric zum ersten Mal besuchte.

Noch bevor Eric sich Gedanken darüber machen konnte, ob er erschrocken oder einfach nur überrascht war, sprang BRAN durch das Portal zu ihm in das Arbeitszimmer. Fast im gleichen Moment verschwand der Ring, der sich kurz zuvor von innen an der Fensterscheibe verankert hatte. Zurück blieb die dampfend vibrierende vereiste Glasfläche. Ein üblicher Zustand nach Zeitreisen.

»Darf ich dich um ...«

»... Zuckerwasser, ich weiß. Kommt sofort.«, unterbrach Eric ihn.

Er erinnerte sich noch genau an das letzte Mal, als BRAN zu ihm kam. Damals erklärte er Eric, dass er Schwankungen, die unmittelbar nach einem Zeitsprung innerhalb seines Mini-Fusionsreaktors auftraten, mittels aus Glucose generiertem Adenosintriphosphats ausglich und dass eben dieses eine bahnbrechende Erfindung im Jahr 48651 n.A. war.

Das Kürzel n.A. stand für nach Ankunft. Ganz genau wusste Eric nicht, was für eine Ankunft gemeint war, aber BRAN hatte ihn um Geduld gebeten und erklärt, dass er ihn zum passenden Zeitpunkt darüber aufklären würde.

Ein zeitreisender Androide ordnete nach seiner Rückkehr die internen Protokolle entsprechend der erlebten Reihenfolge in die Geschichtsbücher ein.

Die Protokolle waren für den Obersten Rat von höchstem Nutzen, denn diese zeigten ihnen, welche temporalen Korrekturen als Nächstes anstanden, um das große Ziel zu erreichen. Auf die Frage, wer denn der Oberste Rat sei, wurde Eric erneut von BRAN vertröstet: »Manche Dinge brauchst Du noch nicht wissen. Es ist zu riskant, Dir alles zu erzählen. Bitte habe Verständnis. Es dient deinem Wohl und dem der gesamten Menschheit.«

Jedes Mal, wenn der Oberste Rat einen Androiden wie BRAN auf die Reise schickte, geschah dies stets mit einem geeichten Chronographen. Die Abreise datierte immer ein Jahr nach der Rückkehr des Vorgängermodells, welches nach seiner Reise die Differenz zum Datum der Ankunft korrigierte, und dem Geheimausschuss des Obersten Rates unter strengster Abschirmung die Erfolge und Fehlschläge seiner Mission berichtete.

Manchmal gab es nur geringe Zeitabweichungen zwischen dem Androiden-Protokoll und der Zeitmessung des Obersten Rates. Oft handelte es sich nur um Millisekunden. Man war sich aber einig, dass die Aufzeichnung des Androiden genauer war.

Gemeinsam entschied der Oberste Rat mit dem Rückkehrer, welches die nächsten Temporalkorrekturen sein müssten und was für Erfolge im Kampf für den Erhalt der Menschheit man sich davon erwartete.

BRANs Vorgängermodell VLAD TYSK hatte darüber hinaus die Aufgabe das Konstruktionslabor zu leiten und zu überwachen. Dazu gehörte zuallerletzt der letzte Feinschliff an BRANs Positronik.

Immer wieder musste Eric sich daran erinnern, dass BRAN ein Androide und dass jede Kommunikation, jede Programmierung ein Teil der genialen evolvierenden Künstlichen Intelligenz war, die unter anderem das Ziel verfolgte sich so menschlich wie möglich darzustellen. Aus Erics Sicht war BRAN ein Mensch wie Du und ich. Äußerlich glich er sogar einem seiner Arbeitskollegen, der vor einigen Jahren verstorben war.

Sollte er BRAN beschreiben, so würde er sagen, BRAN sei ein Herr Anfang Fünfzig, mit grauen Augen, Halbglatze, leicht adipös. Seine Kleidung war gepflegt, aber man erkannte, dass sie vom Discounter stammte. Er hatte eines dieser bräunlich karierten Hemden für 9.99 € an. Darüber einen gestreiften Pullunder. Die braune Cordhose hatte deutliche Gebrauchsspuren. Teilweise war das Cord Muster schon abgerieben. Seine ebenfalls braunen Wildleder Halbschuhe waren sauber aber nicht mehr die neuesten. BRAN trug eine Lesebrille, die ihm an einer Kette um den Hals hing.

Wie Eric schon bei BRANs erstem Eintreffen erfuhr, waren all diese Details nicht echt. Vielmehr hatten die Andro-Ingeneure seine Oberfläche mit einem Nano-Holo-Projektions-System kurz NaHPSy ausgestattet, welches in der Lage war, jegliche erdenkliche Oberflächenstruktur zu simulieren. So wie BRAN für Eric aussah, erklärte er später, sah er eben nur für Eric aus.

Sein NaHPSy ließ sich so einstellen, dass es nur in Erics Richtung dieses Bild eines vertrauten Menschen simulierte. Für alle anderen war BRAN praktisch unsichtbar. Das NaHPSy strahlte dort die dahinter liegende Struktur aus. Es war quasi wie ein Tarnumhang.

Zurück in die Zukunft (Anmerkung des Autors: Das wollte ich schon immer schreiben.)

Kaum war der Tag der Abreise seines Nachfolgers erreicht, hatte der Androide VLAD nur eine letzte Aufgabe.

Seine Zerstörung stand an. Die Positronik wurde vorher auf die Speichersysteme des Obersten Rates übertragen.

Sekunden später war VLAD über die Interfaces in der Lage, zu beobachten, wie der nun leere Apparat, der immer noch menschlich aussah, langsam in die Mitte des kommunalen Fusionsreaktors eingeführt wurde.

Die Trichter schlossen sich und der Reaktor setzte sich dem bedeutungslosen Ereignis entsprechend ohne Countdown in Gang. Zunächst wurden dafür die supraleitenden Magnetspulen mit flüssigem Helium gekühlt und dadurch aktiviert. Die hierfür nötige Energie stellten die ohnehin seit Jahrtausenden vollen Energieträger bereit. Der nun schwebende Körper drehte sich immer schneller inmitten der Supraleiter. In einem hellen Blitz verglühte dieser, als das 150 Millionen Grad heiße Deuterium-Tritium-Plasma aus der benachbarten aktiven Fusionskammer abgelassen wurde. Im Bruchteil einer Sekunde zerfiel der Körper, der vor Kurzem aus der Zeit zurückgekehrt war. Als habe der Androiden-Körper nie existiert, brannte das Deuterium-Tritium-Plasma stabil weiter.

Das Lawson-Kriterium, nach dem einfach erklärt das Plasma von selbst ohne externe Energiezufuhr weiter brannte, wurde schon seit über 2000 Jahren ohne großen Aufwand erreicht. Das lag nicht zuletzt daran, dass die für einen Fusionsreaktor benötigten Materialien durch die nahezu unbegrenzt verfügbare Energie immer besser wurden.

Die Zerstörung des Androiden-Körpers beendete den letzten Punkt des Protokolls. Er durfte nicht mehr verwendet werden, da das Risiko auftretender Paradoxien durch eine weitere Zeitreise mit diesem als zu groß angesehen wurde. Der Oberste Rat befürchtete eine Zerstörung des gesamten Raum-Zeit-Kontinuums.

Eric war immer noch nicht so ganz klar, wie das mit der temporalen Schadensbegrenzung funktionierte. Genau dieses Unverständnis, so sagte ihm BRAN, würde beweisen, dass die Veränderungen sich perfekt an die korrigierte Zeitlinie assimiliert hatten.

Aber zurück zum Zuckerwasser. BRAN schüttete den Inhalt des Messbechers, den Eric ihm angerührt hatte, in seinen Mund. Wenige Sekunden später berichtete er: »Speicherzellen vollgeladen. Das wird für die nächsten 150 Sprünge reichen.«

Er ging zum Fenster, das inzwischen wieder völlig normal aussah, so als sei nicht vor kurzem genau dort ein Zeitsprung passiert. Mit einem schnellen kontrollierten Griff schloss er die Jalousie. Der Arbeitsraum war schlagartig dunkel.

»Wir haben keine Zeit, Eric. Bist du bereit für die Neuralübertragung?«

Eric kannte das vom letzten Mal, als ihm BRAN vor 20 Jahren seine Hand auf die Stirn legte, um mit der Übertragung der Nanoströme in Erics dorsolateralen präfrontalen Cortex einzuleiten. Der Teil des Hirns, der am schnellsten Ströme aufnahm, eignete sich am besten für die große Menge an Informationen, die BRAN für ihn gesammelt hatte.

»Ich bin bereit.«, antwortete Eric. BRAN legte seine Handfläche auf Erics Stirn und initialisierte die sogenannte Synchronisation. Er zählte auf zehn Sprachen rückwärts bis Null, wobei Eric bei den ersten 3 Intervallen zunächst nicht verstand, welche es waren.

»... Fünf ... Vier ... Drei ...« Eric hörte beide mit leichtem Versatz sprechen.

»... Troi ... Deux ... Un ...« Die Stimmen näherten sich einander an. Sie hatten fast die gleiche Frequenz.

Eric sah durch seine Augen BRAN. Gleichzeitig sah er sich selbst durch BRANs optisches Interface. Er hielt die Hand auf Erics Stirn und führte grade das Synchronisationsprotokoll Eric_2016_1aft4 aus.

»Десять ... девять ...«

Eric dachte mit zwei Köpfen, sah, hörte, redete, roch, schmeckte. Seine Prozessoren analysierten ... wow … Ich bin ein Androide. Grenzenlose Rechengeschwindigkeit, was war ich die letzten 20 Jahre gebremst. Auf der anderen Seite war BRAN endlich wieder in der Lage, menschliche Emotionen zu fühlen. Was dem Einen fehlte, brachte das Gegenüber mit ein. Sie waren endlich wieder ... ja, man kann es so sagen. Perfekte Symbiose.

»Anfang der bidirektionalen Übertragung. Start mit 7% der maximalen Geschwindigkeit.«

»Au ...« Der Vorgang war auch beim letzten Mal schmerzhaft. Eric erinnerte sich plötzlich an das, was nach BRANs Abreise geschehen war.

Er erinnerte sich damit nicht nur an seine erlebte Zeit, nachdem BRAN wieder in das Zeitportal stieg.

Nein auch BRANs Erinnerungen kamen ihm in den Sinn.

Es waren unglaublich detaillierte Aufzeichnungen, die BRAN dort angesammelt hatte. Im Überblick, man kann das mit den heute bekannten Begriffen grob als Verzeichnisbaum beschreiben, standen alle Einträge in chronologischer Reihenfolge. BRAN hatte in der Zeit, die für Eric 20 Jahre dauerte, eine Protokollierung von maximal 6 Tagen vorgenommen.

Protokolleinträge wurden zunächst mit einem Zeitstempel versehen. Darauf folgte die Zeit- und Ort-Angabe des Reiseziels sowie eine detaillierte Schilderung des jeweiligen Korrekturablaufes.

Ein Zeitstempel setzt sich wie folgt zusammen:

Beispiel: 48651.201.075643.126

Jahreszahl.Jahrestag.Uhrzeit.Millisekunde