Hope

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Geolokation des ehemaligen Ortes

Hope British Columbia Kanada

Mit einem lauten Scheppern fiel die halbierte Rampe auf den felsigen Boden. Es war Tag. Man hörte Vögel in den Baumspitzen zwitschern.

Jamima sagte enttäuscht: »Es hat also nicht geklappt. Wir sind nicht in der Zukunft. Das ist alles nur wieder irgend so ein Test.«

Kaum hatte sie den Satz ausgesprochen, sah die junge Biologin, die in Accra aufgewachsen war und später in London studiert hatte, eine ihr unbekannte Pflanzenart vor sich. Ein farnartiges Gewächs mit lila Punkten. Sie lief entzückt zu der Pflanze, kniete sich davor nieder und betrachtete diese forschend von allen Seiten.

»Meine Damen und Herren«, rief Ludvig.

»Bitte halten Sie sich an das Protokoll. Das Lager muss errichtet sein, bevor es dunkel wird. Martin!«

Ein rothaariger schlaksiger Typ lief unbeholfen zu Ludvig und schaute ihn fragend an.

»Haben Sie die Umweltverhältnisse geprüft?«

»Nein. Das dauert mindestens 15 Minuten.«

»Machen Sie sich bitte an die Arbeit. Ich erwarte Ihren Bericht in einer Viertelstunde.«

Ludvig hatte alles unter Kontrolle. Er gab hier und da einige Anweisungen und sorgte im Großen und Ganzen wie ein Dirigent dafür, dass die Gruppen harmonisch miteinander an der Errichtung des ersten HOPE-Basislagers arbeiteten.

3D Beton-Drucker wurden ausgeladen. Nach der Aktivierung suchten diese sofort nach geeignetem Gestein und Flüssigkeiten. Hatten sie eine entsprechende Menge Materialien aufgenommen, fuhren sie selbständig an die von Mitarbeitern markierten Stellen, um dort Bodenplatten und Wände zu gießen. Insgesamt gab es 5 solcher Drohnen. Jede von denen hatte bei genug erreichbarem Material im Umkreis von 50 Metern die Fähigkeit einen 16 m² großen Raum innerhalb eines Tages herzustellen.

Ein weiteres Team war damit beschäftigt die temporären Unterkünfte in Form von Mannschaftszelten zu errichten.

Aus jedem der unzähligen mitgeführten Wagen wurden Werkzeuge und Materialien entnommen, die für die Errichtung eines Basislagers notwendig waren.

Sicherheitskräfte verteilten im gesamten Camp nach einem vorgegebenen Raster 30 verschlossene Transportboxen. Jede Einzelne war versiegelt. Die Räder unter den Kisten klappten seitlich weg, als sie die richtige Position erreicht hatten. Eine Verankerung bohrte sich in den Boden.

Als einer der Sicherheitskräfte sich auf eine der Boxen setzte, wurde er von einem Mechanismus gewarnt: »Bitte treten Sie zurück. Halten Sie mindestens 5 Meter Abstand. Es dient zu ihrem eigenen Schutz.«

Erschrocken wich der Betroffene zurück und starrte verwirrt auf die Transportbox. Doch schon wurde er von seinem Kollegen gerufen, um die weiteren Boxen mit ihm zu platzieren.

In den Schulungen hatte Gotfrey allen Mitarbeitern erklärt, dass die Sicherheitsboxen nur für den Fall einer besonderen Bedrohung gedacht waren, die hoffentlich nie eintrat.

Ein paar IT-Techniker stapelten in Zelt 1 die 8192 iCubes seitlich an den Wänden entlang. In der gleichen Zeit waren Elektriker damit beschäftigt, das Zeltdach mit Solarmatten auszulegen.

Kaum war der letzte iCube an seiner Position, zogen sich rote Gitternetzlinien durch den Innenraum des Zeltes. Wenige Sekunden danach erschien Gotfrey am hinteren linken Ende. Er ging zielstrebig auf einen der IT-Techniker zu, hielt ihm die Hand hin und sagte: »Danke Philipp. Das haben Sie gut gemacht, Wir sind alle da.«

Der Techniker erwiderte den Handschlag, griff aber dabei ins Leere.

Gotfrey blieb unbeeindruckt. Ein physischer Körper war schon längst geplant. Das Projekt lief vor einigen Monaten an. Es würde in der jetzigen Umgebung etwas gebremst weitergehen, aber wozu an diesem Tag seine Ressourcen verschwenden. Schließlich war das der Tag, auf den sich alle in den letzten Jahren intensiv vorbereitet haben.

Am heutigen Tag der Ankunft begann eine neue Zeitrechnung. Der Timer wurde beim Durchqueren des Zeit-Ringes initialisiert. Alle Uhren standen auf Null. Dieses System wurde bei der Gründung des obersten Rates beschlossen. Ebenso hatten sich die Künstlichen Intelligenzen dazu entschieden, weder Menschen in den Rat aufzunehmen, noch ihnen davon zu berichten, dass der Rat überhaupt existierte. Entscheidungen auf digitaler Ebene waren wesentlich effektiver und sparten darüber hinaus eine Menge Zeit.

BISU, eine der Künstlichen Intelligenzen, hatte damals den Rat davon überzeugt, dass es ohne eigene Zeitrechnung nicht möglich sei, den Fortschritt des Rettungsprogrammes chronologisch zu überwachen, da sich die Auswirkungen auf die Relativzeit nicht prognostizieren ließen. Deshalb und dem Ereignis entsprechend fing mit dem Tag der Ankunft eine neue Zeitrechnung an, die präzise genug war, um damit chronologisch geordnete Protokolle für spätere Auswertungen zu erzeugen.

Der rothaarige junge Mann kam aufgeregt auf Ludvig zu. Peter Wassmann hatte schon eine Menge erlebt und gesehen, aber das war für ihn eine Sensation.

»Ludvig, ich habe die Umweltverhältnisse geprüft und auch einige andere Dinge.«

»Beruhigen Sie sich Peter. Sie fallen ja gleich um.«

Ludvig zog einen Flachmann aus seiner Jacke und reichte ihn dem nervös rumzappelnden Peter.

»So, jetzt nehmen Sie erstmal einen kräftigen Schluck und dann erzählen Sie mir alles.«

Peter nahm die kleine Metallflasche und trank etwas Brandy. Kaum hatte er abgesetzt, blätterte er schon wie wild in seinen Unterlagen, um Ludvig die neuesten Informationen zukommen zu lassen.

»Wir haben, wenn man Flora und Fauna genau betrachtet, ein bewohnbares Gebiet erwischt. Der Boden ist fruchtbar, es gibt Vögel und Fische. Ich habe sogar schon so etwas Ähnliches, wie ein Kaninchen gesehen. Darüber hinaus ergeben die Wasser-Proben des Baches dort unten, dass es sich um genießbares und sauberes Trinkwasser handelt. Jetzt komme ich aber zu dem Punkt, der mich am Meisten überrascht. Wenn ich die Sternenkonstellation über uns ansehe, wobei ich mir nicht so 100-prozentig sicher bin, da es noch hell ist. Ziehe ich zu dieser Betrachtung die aktuelle Entfernung des Mondes und der Sonne, die man leicht in den letzten 15 Minuten durch Triangulation …«

»Peter, ich verstehe das eh alles nicht. Kommen Sie zum Punkt!«, unterbrach ihn Ludvig.

»Wir sind etwa 250 Millionen Jahre in der Zukunft gelandet.«

Jetzt brauchte Ludvig einen kräftigen Schluck aus seiner Flasche.