Paradise City

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Paradise City

Borodin Sonntag war aufgeregt. In Kürze würde er endlich die Menschen sehen, die ihm bisher nur aus seinen Lehrbüchern bekannt waren. Wie oft hatte er in der Schule und später in der Universität von den Gründern der Neuen Gesellschaft gehört, gelesen und in Simulationen erlebt? Er erinnerte sich gern daran, wie er mit seiner Kindheitsliebe Galina Mbwase jeden Erholungstag die Holo-Museen besucht hatte, um selbst in die Rolle eines der Helden zu schlüpfen. Er liebte es, die Figur Otwin zu übernehmen, da er sich mit dessen kritischen Einstellung identifizierte.

Borodins Vater Ruben sagte ihm immer wieder, aus ihm würde nie etwas werden, wenn er ein solcher Phantast bleibe. Wie solle der junge Mann jemals seinen Platz in den Geschichtsbüchern finden, geschweige denn ein Übertragungskandidat werden.

Die Familie Sonntag hatte eine lange erfolgreiche und ununterbrochene Serie an Übertragungen hinter sich. Oft schon hatte sich Borodin mit seinen Urahnen bei den gemeinsamen virtuellen Spaziergängen unterhalten. Vor ein paar Stunden hatte ihm Severin, sein Urgroßvater elften Grades einen hilfreichen Hinweis für seine bevorstehende Mission gegeben. Der Mission, die ihm den Weg zur Digitalisierung sichern wird. Sein Vater, der sich seine Übertragungs-Garantie schon mit 47 Jahren verdient hatte, sollte wenigstens einmal im Leben stolz auf ihn sein. Denn bisher hatte er kein gutes Haar an Borodin gelassen.

Niemand konnte ahnen, dass heute der Tag der Rettung war. Der Tag, auf den sich alle inzwischen 7,6 Milliarden menschlichen Nachfolger und vor allem die 691 künstlichen und 21,9 Millionen übertragenen Intelligenzen so intensiv vorbereitet hatten.

Fast hätte Borodin die Funktion als potentieller Begrüßer verspielt, als er seine Beziehung zu Eva Wang durch ein öffentliches Bekenntnis besiegelt hatte.

Er konnte sich noch genau an den Tag 107 vor 4 Jahren erinnern. Er rief laut und deutlich in das System: »Protokolleintrag. Ich Borodin Sonntag, der glücklich ist, ein Teil von Paradise zu sein, bekenne mich öffentlich zu meiner bindenden Liebe mit Eva Wang. Eva, Du bist das Beste, was mir je passiert ist. Ich werde mit Dir die Ewigkeit verbringen bis zur endgültigen Löschung.«

Für einen Menschen des zweihundertfünfundvierzigsten Jahrhunderts nach Ankunft war dieses Bekenntnis katastrophal.

Eva war schon vor 400 Jahren gestorben. Sie wurde direkt nach ihrem Tod in das System übertragen, da ihr Wissen im Fachgebiet Kybernetik unverzichtbar für die Gesellschaft und den Obersten Rat war.

Als Borodin sie zum ersten Mal im Holo-Chat traf, dachte er, sie sei eine lebendige Person.

Nach allen Unterhaltungen, die er mit Eva in den darauf folgenden Wochen und Monaten geführt hatte, rückte sie notgedrungen mit der Wahrheit raus. Denn Borodin hatte sie gedrängt, sich endlich im physischen Leben zu treffen.

Für Borodin war das zunächst ein Schock. Wie könnten die beiden jemals gemeinsamen Nachwuchs zeugen, sich körperlich zärtlich begegnen, oder zusammen altern?

Es waren dumme Fragen, die Borodin damals beschäftigten.

Er fühlte sich beschränkt, wenn er sich nicht in einer der holographischen Einrichtungen befand. Die physische Welt kam ihm mehr und mehr unreal vor. Er hatte Angst davor, nicht online zu sein. Manchmal schämte er sich dafür, in einem Körper aus Fleisch und Blut zu leben. Doch bald schon hatte Eva ihn davon überzeugt, seine Biologie zu schätzen und jeden einzelnen Tag auf der realen Erde so intensiv wie möglich zu erleben und zu fühlen. Eva erklärte ihm, welche Eindrücke nach der Übertragung nicht mehr erlebt werden könnten und was sie zur Kompensation unternahm, denn jedes Mal, wenn Borodin etwas gefühlt, erlebt oder gespürt hatte, saugte sie alle Details in sich auf, als seien sie Ihre Nahrung.

Die Gesellschaft von Paradise City unterstützte es nicht, dass lebende Personen mit nicht der Familie angehörenden übertragenen Digitalen kommunizierten oder noch schlimmer eine Beziehung hatten.

Erst seit etwa 3 Wochen gab es eine Reform der diesbezüglichen Gesetze. Als sich Didem Froh und Elvis Tran gefunden hatten. Die 23-jährige persische Schauspielerin hatte sich in einen schon vor 387 Jahren gestorbenen Sportler verliebt. Elvis starb bei einem Sprung von einem der höchsten Gebäude der Neuen Welt bei einem treffend benannten Suicide-Jump. Bei diesem Sprung warf Elvis seinen Fallschirm vom 2117 Meter hohen Havetsson-Tower, dem höchsten Gebäude in Paradies City und sprang 7 Sekunden später hinterher.

Leider wurde Elvis beim Sprung bewusstlos, so dass er es nicht mehr schaffte, den Fallschirm anzulegen. Zum Glück hatte er den Vorschriften entsprechend seine Übertragung auf Widerruf schon vor dem Sprung vorgenommen, da danach nicht mehr genug Gehirnmasse für eine Übertragung verfügbar gewesen wäre.

Bei jeder großen Veranstaltung wurden die beiden gemeinsam gesehen und gefeiert. Didem und Elvis waren ein Traumpaar, welches in allen Medien erwähnt wurde. Schon nach wenigen Monaten war zu erkennen, dass die Gesellschaft nun Beziehungen mit Übertragenen akzeptierte.

Borodin war ein wenig nervös. Nicht nur, dass er die 14 fertiggestellten perfekten Androiden in eine Vergangenheit geschickt hatte, von wo sie bei der kleinsten Abweichung vom Protokoll die Zerstörung des Raum-Zeit-Gefüges bewirken könnten. Paradise hätte dadurch nie existiert. Seine Nervosität war aber viel stärker damit begründet, dass Borodin gleich die Begrüßung der vierzehn Gründer übernahm, die für jeden einzelnen Menschen die bedeutungsvollsten historischen Personen waren, die man sich vorstellen konnte.

Endlich war der große Moment gekommen.

Kaum hatte der letzte Androide das Zeitportal durchquert, kamen schon die ersten von Nano-Bots kontrollierten Gründer durch das gleiche Portal zurück.

Die Menschen sahen unvertraut seltsam aus. Keiner von ihnen war größer als 1,90 Meter. Sie hatten alle kleine Augen und erstaunlich runde Köpfe. Die Hände wirkten klobig. Ihre Kleidung sah aus, wie man sie aus den Holo-Systemen kannte. Sie trugen starr wirkende raue farblose Stoffe. Das Zeitportal hatte sich kaum geschlossen, schon begannen die Ankömmlinge wie wild umherzulaufen und zu schreien.

Trotz seines Auftrages, die Gründer zu schützen, blieb Borodin entspannt stehen. Hier auf der Ankunftsebene würde ihnen nichts passieren.

Otwin, der sich ausgiebig davon überzeugt hatte, dass die Nano-Bots ihn nicht mehr kontrollierten, schaute sich um und traute seinen Augen nicht. Er sah rund um die Plattform, auf der sie angekommen waren, ein gigantisches Meer von Hochhäusern. Allerdings hatte Otwin nie zuvor so ein hohes Gebäude gesehen, wie das, welches in der Mitte der Stadt pompös aus allen hervorragte. Es war so hoch, dass man die Spitze nicht mehr erkannte, weil sie in der Unendlichkeit des strahlend blauen Himmels verschwand. Zwischen den Gebäuden bewegten sich Luftfahrzeuge auf virtuellen Straßen. Es mussten virtuelle Straßen sein, da die meisten Fahrzeuge in Schlangen hintereinander her flogen.

»Sei gegrüßt!«, hörte Otwin hinter sich.

Er drehte sich um und sah zunächst nur einen flachen sportlichen Bauch. Als er nach oben schaute, erkannte er ein Wesen, das menschenähnlich wirkte. Aber das konnte definitiv kein Mensch sein.

Sein gegenüber war etwa 3 Meter groß. Hatte schlaksige Arme, grazile Hände mit jeweils nur 4 langen Fingern. Aber die größte Überraschung war der Kopf. Der war riesig. Das Wesen hatte riesengroße Augen. Über dem rechten Auge hatte es eine tiefe Narbe. Ansonsten schien es makellos.

»Ich bin Borodin. Willkommen.«, sagte der Riese.

Otwin schaut ihn von oben bis unten an und antwortete: »Otwin. Mein Name ist Otwin. Was ist das hier?« Mit weit offenem Mund zeigte er um sich herum auf alles, was er sah, aber nicht verstand.

»Dies ist Paradise City. Wir schreiben das Jahr 24637 nach Ankunft. Jeder Mensch, den Du hier siehst, ist ein direkter Nachkomme der Hope-Gesellschaft.«

Als Otwin wieder zu Bewusstsein kam, sah er das Gesicht Borodins über sich lächeln.

»War wohl ein bisschen viel für Dich? Ich habe Dir eine Medizin verabreicht, die Deinen Kreislauf stabilisiert.«

Otwin richtete sich auf. Er sah die anderen ebenfalls unfreiwillig Angekommenen, die sich genau so wie er sammeln und an die neue Situation gewöhnen mussten.

»Weißt Du, Borodin?« Otwin schaute zu dem Riesen auf.

»Wir sind schon 250 Millionen Jahre in die Zukunft gereist und haben dann eine Welt vorgefunden, die leer war. Aber hierher zu kommen und eine Zivilisation vorzufinden, die unvorstellbar groß sein muss, das erschreckt mich. Ich glaube, ich brauche etwas Zeit. Kannst Du mir sagen, ob die Bots noch aktiv sind?«

»Nein. Die sind völlig veraltet. Wenn Ihr ein paar Tage hier seid, dann bekommt ihr neue Bots von uns, um Euch mit dem System zu verbinden.«, antwortete Borodin.

Otwin hielt seinen Kopf schräg, als müsse er überlegen, bevor er antwortete: »Nein. Mit neuen Bots warten wir noch etwas.«

Borodin hatte dafür vollstes Verständnis. Denn so, wie er am liebsten ausschließlich in der virtuellen Welt sein mochte, konnte er sich vorstellen, dass es Menschen gab, die das Leben in der physischen Welt bevorzugen. Er fand es überhaupt nicht schlimm, dass Otwin so dachte. Aber genau so war er sich sicher, dass der Gründer seine Meinung bald ändern würde. Schließlich war er einer der 14 Retter.

Die Neuankömmlinge hatten eine Menge Fragen. Zum Glück war Borodin nicht der einzige Begrüßer.

Neben ihm gab es 13 weitere Auserwählte, die alle unter seine Anleitung standen. Die meisten Ankömmlinge waren verängstigt, da sie sich nicht im Entferntesten vorstellen konnten, was hier grade passiert war. Borodin und sein Team hatten alle Hände voll zu tun, die Gäste zu beruhigen und ihnen jede ihrer Fragen zu beantworten. Die meisten der eben noch nervösen und verängstigten Zeitreisenden ließen sich davon überzeugen, dass das Erlebte einem detaillierten Plan folgte und zu ihrem Besten war.

Ein paar Ankömmlinge hatten keine Fragen gestellt, aber das war eher durch ihre Angst und ihr Misstrauen begründet. Bei diesen drei Betroffenen setzte Borodin das Protokoll des sanften Begrüßers ein, in dem jeder der Skeptiker einen festen Händedruck und damit neue Nano-Bots verabreicht bekam. Die neuen Bots hatten keine steuernden Funktionen mehr. Sie waren eher eine Art Interface in die holographische Welt.

Borodin war wie jeder auf dem Planeten schon vor seiner Geburt vernetzt. Er kannte den Zustand des reinen physischen Lebens nur von den äußerst unangenehmen Offline-Phasen, die zur Sicherung vor Sonnenstürmen veranlasst wurden. An solchen Tagen mussten alle Computer für ca. 8 Stunden heruntergefahren werden. Ein Shutdown fand etwa alle 11 Jahre statt. Es galt zu vermeiden, dass die Digitale Gesellschaft Schaden nahm, denn auch im 25. Jahrhundert nach Ankunft war die primäre Aufgabe des Obersten Rates der Schutz der Menschheit. Wie unglaublich primitiv diese doch vor der Erfindung des hybriden Lebens war. Borodin ekelte es an, einen Gegenstand mit den Händen berühren zu müssen, damit er funktionierte. Während der Offline-Phasen tat er das, was der überwiegende Teil der Physischen versuchte. Er nahm sich vor, die schlimmsten aller Stunden mit Schlaf zu überbrücken. Leider war aber auch das immer schwierig. Denn in einer normalen Schlafphase war doch sein Geist aktiv und konnte sich umso besser in der virtuellen Welt bewegen.

Die Träume während der Offline-Phase waren seltsam. Manchmal träumte Borodin, er könne selbst fliegen. Er sprang vom Havetsson-Tower und drehte dabei wunderbare Loopings. Immer wieder schoss er in die Tiefe, um danach wie ein Phönix aus der Asche emporzuschießen. Natürlich hatte Borodin eine große Freude an den Träumen, doch er wusste, dass es riskant war, zu viel Phantasie zu haben. Er erinnerte sich noch gut an Stephan Kolping, einen seiner Schulfreunde.

Der Junge hatte oft die phantastischsten Ideen. Seltsamerweise konnte er dies in den Holo-Welten mit seinen Freunden teilen.

Bis heute war Borodin nicht klar, wie er das gemacht hatte.

Immer wenn Stephan sich mit ihm verlinkte, wusste Borodin schon vorher, dass es lustig mit ihm würde.

Einmal kam Stephan auf die Idee, sich selbst als Erwachsenen darzustellen. Er war ein großer grauhäutiger Mann Mitte vierzig. Auch für seine Freunde hatte er die entsprechenden Simulationskörper bereitgehalten. Sie gingen durch die virtuelle Welt spazieren und konnten dort Dinge tun, die nur den Erwachsenen vorbehalten waren. Stephan besuchte an diesem Tag mit seinen Freunden eine Tanzshow für Volljährige. Sie nahmen an einem der Gästetische Platz und bestellten für jeden von ihnen einen Jokka-Saft.

Sofort nach der Bestellung landete Borodin unsanft auf dem Boden seines Zimmers. Die Verbindung war unterbrochen worden.

Ein paar Tage später traf er Stephan in der Schule und fragte ihn, was denn genau passiert sei. Sein Freund antwortete: »Nur Kinder trinken Jokka-Saft. Mein Fehler. Kommt nicht wieder vor.«

Stephan wurde in den nächsten Wochen intensiv von Überwachern beobachtet. Die kleinste Abweichung führte zu einer Disziplinierung.

Nachdem Stephan sich irgendwann wieder sicherer fühlte, verlinkte er sich mit Borodin. Dieses Mal hatte er etwas noch viel Phantastischeres vorbereitet.

Die gesamte Szene spielte sich auf dem Mars ab. Stephan, Borodin und ein paar weitere Jungs schwebten in Raketenanzügen über die Marsoberfläche. Niemand hatte eine Ahnung, wie Stephan das hinbekommen hatte, aber daran dachte in diesem Moment keiner der Jungs.

Es wirkte alles so real. Plötzlich hörte Borodin hinter sich einen Schrei. Paul, ein gemeinsamer Schulfreund, hatte die Kontrollen seines Raumanzuges nicht im Griff. In einem spiralförmigen Sturzflug trudelte er der Mars-Oberfläche entgegen, schlug in einer großen roten Sandwolke auf und blieb mit dem Kopf zuerst reglos im Sand stecken.

Stephan wurde nervös und während einige der Klassen-Kammeraden lachten, flogen er und Borodin zur Unglücksstelle. Sie zogen Paul aus dem Sand und erschraken, als sie seinen zerstörten Helm und das durch den fehlenden Druck aufgeblähte Gesicht sahen. Paul war tot.

Wieder endete die Simulation schlagartig. Borodin saß weinend in seinem Zimmer und konnte nicht glauben, was er da eben gesehen hatte. Er versuchte, sich mit Paul zu verlinken, aber dort kam nur ein Offline-Signal zurück. Das war gar nicht gut, dachte sich Borodin und wusste dabei noch nicht, wie sehr er damit Recht hatte.

Am Morgen danach glich die Schule einer Polizei-Station. Überall rannten Überwacher mit Ihren Assistenten von einem Klassenzimmer zum nächsten.

Borodin wurde sofort und ohne Umschweife zu dem Vorfall befragt. Er versuchte, alle Fragen wahrheitsgemäß zu beantworten. Bis er selbst fragte: »Können Sie mir sagen, wo Stephan ist?«

Der Überwacher schaute ihn nicht einmal an.

Die Frage stellte er sich noch die nächsten 6 Wochen. Dann gab er es auf. Stephan war verschwunden. Wahrscheinlich, weil er eine zu große Phantasie hatte und nicht wusste, wie er sie kontrollieren konnte.

Nach der Begrüßung der Zeitreisenden beschloss Borodin, mit der Führung anzufangen.

»Liebe Gäste, bitte folgen Sie uns. Wir zeigen Ihnen nun Ihr neues Zuhause. Es soll für Sie alles bieten, was sie sich wünschen. Haben Sie keine Angst. Ihr Aufenthalt hier ist nur von kurzer Dauer. Im Anschluss schicken wir Sie wieder zurück in Ihre Zeitlinie. Wenn Sie im Laufe der Führung Fragen haben, wird Ihr persönlicher Begleiter diese gerne beantworten.«